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Dieser Artikel klärt, wie es passieren konnte, daß ich mir eine ziemlich verwanzte, kaum noch zu erkennende Katana ohne jede Probefahrt und ohne viel Fragen gekauft habe. Wie dann der Schrotthaufen kam und wie mir der Vorbesitzer noch einen Umzugskarton "Zubehör" in die Hand drückte. Vielleicht klärt dieser Artikel auch warum wir nicht alle das gleiche perfekte Bike fahren

  

 

Das Katana-Symbol

Katana

Samuraischwert

Suzuki Katana

GSX750SZ Bj´82 

   
     Das Rücklicht habe ich von der
NCC 1701 USS Enterprise 
geBORGT (oder besser assimiliert).
As Original war mir doch zu quadratisch...
Die Blinker sind von der Louise.
 Gekauft als Schrott, erstand unsere Katana innerhalb eines Jahres zu neuem Leben.
Der Lohn für sehr viele Arbeitsstunden und eine Million Flüche
Wohl eher ein Showbike, die 
Haltung ist unter aller S..., der 
Rahmen stammt von einem Fahrrad 
und die Reaktionen sind nicht immer 
vorhersagbar. 
Es ist ein dreckiger Job, Katana zu fahren, aber jemand muss es ja machen... 
   
      Ach ja, und die Spiegel werden nach außen hin schmäler und sehen viel sportlicher aus als die Originale
     

 

  Wie ich zur Katana kam......und wie dann die Katana zu mir kam
Ob ich damals zufrieden war mit meiner Teneré? Ja, voll und ganz. Auch heute noch ist das gute Stück das Übermotorrad für mich. Aber einige Kleinigkeiten hätte ich dann doch noch verbessert, hätte ich eine Teneré entworfen. Zu dieser Zeit entwarf ich mit Papier und Bleistift allerlei Motorräder nach meinem Geschmack. Zwei Entwürfe davon waren sinnigerweise bereits in der Vergangenheit umgesetzt worden. Zum einen war das Moto Guzzis einzige große Enduro mit dem Namen Quota, die mich in ihren Bann zog. Doch da waren der hohe Gebrauchtpreis und auch die Höhe, die mich abschreckte. Für kleine Menschen gab es zwar einen Funduro-Umbau, aber der war noch seltener als das Original und auch nochmals gesalzen vom Preis. Das zweite Motorrad meiner Wahl und Träume war die Suzuki Katana mit Halbschalenverkleidung. Das war es, dachte ich mir, und wurde als bald gefrustet über die exorbitant hohen Preise, die für das, wie sich herausstellte, Liebhaberstück gezahlt werden mußte. Katana, ein Begriff, den ich neben „Bol´dor“ in meiner Jugend öfter gehört hatte, aber dem ich damals mangels Kenntnis und Interesse keine Bedeutung beiwog, wurde mit der ersten Abbildung des Motorrads in einer Zeitschrift mit Leben gefüllt. Ich war magisch fasziniert. Katana, ein Motorrad mit dem Namen eines Samurai-Schwerts, wurde ein sehnlicher Wunschtraum. Um an mehr Informationen zu kommen, ging ich in die Bücherei und kramte dort in alten „Motorrad“-Zeitschriften, aber für die Anfänge waren die Druckschriften nicht alt genug. Ich löcherte Uschi, meine Lebensgefährtin, permanent mit dem Thema.

Paperwork


Telefonisch gelöchert schickte mir die „Motorrad“ eine Fotokopie eines „Gebrauchtkauf“-Artikels, der vor vielen Jahren einmal veröffentlicht wurde. Ich kaufte fast jede Motorradzeitschrift und filterte zu allererst die Katana-Angebote durch, aber immer ohne Erfolg. Entweder waren die Motorräder schon weg, oder sie waren preislich in Regionen, die ich nicht zahlen wollte und konnte. Selbst, als in einer Zeitschrift einen Katana mit Motorschaden für 2500 Schrauben angeboten wurde, und ich anrief, erzählte mir der Verkäufer, das Teil sei schon am frühen Morgen von einem Typen mit ´nem Hänger geholt worden.

 

Der Laden mit der offenen Tür


Uschi machte mich auf einen Händler aufmerksam, der einen „Tag der offenen Tür“ veranstaltete. Da wir noch "neu" in der Motorradszene waren, war eine offene Motorradhändlertür zu unüblichen Geschäftszeiten, in der Anzeige dort als "Bikerfete" tituliert, natürlich eine unbekannt neute Attraktion. Vorsichtig und verunsichert gingen wir hin, um dort eine Menge fabrikneuer Bikes zum Ladenpreis zu bewundern. Neben der Würstchenbude, wo sich gerade ein Trude1400-Biker sein fünftes Frühstück reindrückte und seiner offensichtlichen Lebensgefährtin, die sittsam mit weniger Kubik Hubraum aufwartete stand bei den "Gebrauchten" eine vergammelte Katana, dessen Vorbesitzer offensichtlich zwei Farbdosen (gelb und blau) sein Eigen nannte. Er wird sich wohl eines Tages gefragt haben, ob die Dosen noch gehen oder ob er sie lieber wegwerfen sollte. Leider tat er ersteres und Probierte den Inhalt an der Katana aus. Seit der Zeit war er wohl mit einer gelb gestrichen Katana mit blauen Streifen durch die Gegend gefahren und den Tag verflucht, als er die Spraydosen im Keller fand. Na ja, so stelle ich mir jedenfalls die Geschichte der Katana vor. Mutmaßlich wurde der Fahrer eines Tages verrückt und begann Selbstmord....nein, zu platt...eines Tages wurde der Fahrer verrückt und kaufte sich eine rote Ducati...ja, so wirds gewesen sein. Als Anzahlung für die Duc hinterließ er dem Suzukihändler seine Katana und rutschte kurze Zeit später in einer unübersichtlichen Linkskurve auf einer dort weggeworfenen Pizza aus. Aber lassen wir die Geschichten und kommen wieder zurück zur gelben Katana, die traurig vor mir stand und gelangweilt mit  Motoröl lustige Tupfenmuster auf den Beton malte.
Natürlich mußte ich mich gleich einmal draufsetzen und mich mit meinen verölten Händen anden Stummeln des Lenkers hängen.  Göttliche Fügung dachte ich mir, und malte mir schon aus, wie ich wohl den häßlichen Lack am besten wieder wegbekommen könnte. Natürlich war es auch eine Preisfrage, ob ich das gute Stück erstehen könnte.
Fragen kostet nichts, dachte ich mir,  und so hielt ich den Verkäufer an, was die Havarie kosten solle. Offensichtlich war das Mopped nix für Frauen, denn der Typ bekam ein langes Gesicht. Er wüßte keinen Verkaufspreis und könnte auch die Daten wie z.B. das Baujahr gar nicht nennen. Nein, zwei Frauen auf einer Katana, das sprengte wohl sein enges Weltbild. Später erfuhren wir über die Kleinanzeigen den Preis, der leider zu hoch war. Schicksalsfügung, daß Monate später eine potthäßlich gelb gestrichene Katana (DIE!!!) ausgerechnet in der Straße geparkt war, in der ich arbeite. Das Leben kann so gemein sein. Kann der Typ das Ding nicht in irgend einer anderen Straße abstellen?

Begegnung der 3. Art


Es wurde Somme, ich hatte langsam die Suche nach meinem Traum aufgegeben und kauerte in der Sonne und polierte wieder einmal die Teneré. Da hörte ich ein Motorrad. Mit einem besänftigenden Blubbern schlich eine silberne Katana vorbei. Ich hielt den Atem an, dachte, das darf ja wohl nicht wahr sein. Der Typ hatte mich offensichtlich aus einem Augenwinkel bemerkt und kehrte um. Mit Leerlaufdrehzahl tuckerte er langsam zu mir hin, um Smalltalk zu treiben. Ich musterte ihn kurz, das Ergebnis 0-8-15-Biker, Jeans, zerfledderte Jeansjacke, vermutlich aus seiner Kindheit, Cowboystiefel, Kennerblick. Den Helm nahm er zum Sprechen (Göttin Lob) nicht ab, und den Motor machte er auch nicht aus. Eine blöde Situation. Ich gaffte nur noch auf das Motorrad, und der Typ gaffte nur noch auf mich. Ich bemerkte: „schönes Motorrad“ nickte kennerhaft und fügte an, „wenn er es einmal verkaufen sollte, hätte ich Interesse“. Der Typ zog sein Fahrwerk ein und tuckerte wieder davon. Frau hat es schon schwer, höflich zu bleiben.

Katano italiano?


Ausgerechnet in einer Fachzeitschrift für italienische Motorräder fand ich in den Kleinanzeigen eine Katana angeboten, die laut Anzeige unfallfrei, silber und in gutem Zustand war. Außerdem war der Motor vor 2000km komplett überholt worden. Dafür 5600 zu verlangen war fair, dachte ich mir. Ich rief an, und erfuhr von dem Händler, daß dieser die Maschine sogar in der Nähe bei einem befreundeten Händler geparkt hatte. Ich machte noch am selben Tag einen Besichtigungstermin aus. 5600 ein ganz schöner Brocken, aber die Katana würde das schon aufwiegen. Zusammen mit meiner Lebensgefährtin und unserem gemeinsamen Freund, einem Ausnahmemann, fuhren wir zu dem Händler raus aufs Land. Die Straßen wurden kleiner, die letzten Zeichen menschlicher Besiedelung verschwanden im Rückspiegel, aber ein Eingebohrener im letzten Dorf gab an, daß dies schon die richtige Richtung sei. Kurze Zeit später verschwand die Straße - und mündete in einen unbefestigten Feldweg. Ein Hügel und dann noch einer, Felder und unwegsames Gelände. Ich tendierte langsam dazu, hier die Fahrt abzubrechen. Aber nach der nächsten scharfen Linkskurve, die auch noch steil empor ging, stand da plötzlich ein unfertiges Gemäuer. Sollte diese Behausung der Händlerstützpunkt sein? Etwas vorsichtig klingelten wir an der bereits befestigten Türglocke. Der Händler begrüßte uns und öffnete seine Reihenhausgarage, die gleichzeitig als Verkaufs-, Ausstellungs- und Reparaturraum fungierte. Eine Welt brach für mich zusammen. Da stand sie, die "gut erhaltene" Katana. Sie hatte keine Sitzbank, war angegammelt bis zum Anschlag und hing wie ein Unfallopfer am Tropfer am Ladegerät. Der Motor war natürlich warm gelaufen, so daß die Fuhre auch sofort ansprang. Ein bestätigendes Blinzeln seitens des Händlers sollte wohl die Lauffreude des Motors unterstreichen. Danach riß er den Gasgriff auf, und orgelte den Motor in die allerhöchste Höhen. Laut, sehr laut. Aber das lag daran, daß die Katana keinen „normalen“ Auspuff (mehr) hatte. Vielmehr röchelte das Eisen durch einen eher stillistisch angedeuteten und offensichtlich ausgeräumten Auspuff Marke Ballermann. Ich fragte nach dem TÜV. Da entglitten dem Händler die Gesichtszüge. Er räumte ein, daß alles machbar aber eine Frage des Preises sei. Jetzt gerade, aber das sollte mich nicht irritieren, hätte das Motorrad noch keinen TÜV. Ich fragte nach dem Alter der Maschine. Der Händler sagte so etwa ´82, aber er müsste da noch den Besitzer anrufen, der in Italien wohnt. Einen KFZ-Brief gäbe es auch nicht, aber er würde ihn besorgen. Offensichtlich spürte er inzwischen mein Mißtrauen, und erklärte mir, daß diese Praxis nichts unübliches sei. Er fahre permanent nach Italien, um dort Motorräder (und vielleicht auch Schrott?) zu kaufen. Diese(r) laufen in Deutschland ganz problemlos. Ich fragte nach der Überholung des Motors, die ja vor 2000km stattgefunden haben sollte. Er guckte mich verdutzt an, und fragte, ob das wirklich so in der Anzeige stand. Nein, vor ca. 2000km habe der Besitzer den Zylinderkopf geöffnet, und oben reingeguckt, aber was genau da gemacht wurde, kann er mir nicht sagen. Der Motor klapperte, als wären die Innereien in der Hoffnung auf Selbstheilung ins Motorgehäuse geworfen worden. Ich hatte genug gesehen. Ich war geschockt und auch wütend. Das, was der Typ praktizierte, war versuchter Betrug. Tatsächlich stand einen Monat später die Katana für knapp 4000 in der Zeitung, ohne den Zusatz der Motorüberholung und mit dem Hinweis auf Unfall. Auch der Hinweis „guter Zustand“ fehlte.

Überflieger


Der nächste Jammer war vorprogrammiert, als ich in Berlin zu tun hatte. Meine Lebensgefährtin und ich gingen noch ein bißchen vor dem Flughafen Tempelhof spazieren, da unser Flug erst später ging. Von den rund 10 Motorrädern, die am Gebäude geparkt waren, war natürlich eine wieder die Katana, die in der 1100ccm-Ausführung angeblich weltweit nur 10000 mal verkauft wurde. Ich schoß den halben Film leer.

Katana Carnevale


Himmel, ich kam schon auf die abstrusesten Gedanken. Ich könnte ja eine neuere GSX 1100 kaufen, und dann eine Katanaverkleidung, so vielleicht erhältlich, dranschrauben. Es türmten sich in mir die Fragen auf und wunden sich um meine Gehirnwindungen: Vielleicht eine ähnliche Verkleidung selbst anfertigen? Aber wie bekomme ich so etwas durch den TÜV? Wie bekomme ich den Tank so schön flach? Warum führe ich selbstgespräche?...
Da sieh nur, Uschi, das Katana-Schwert hatte mich durchbohrt, steckte mir im Fleisch und peinigte mich, wo immer es nur konnte. Suzukihändler, Berlinausflüge und einschlägige Ereignisse seien hier noch eimal erwähnt.
Immer wieder mußte mich Uschi aus dem dumpfen Brüten herausreißen. Danke!

Krummdolch oder Edelschwert?


In einer Motorradzeitschrift war ein Artikel über Bikes in Japan. Abgebildet eine 400er Katana im Outfit der legendären 1100/750er. Mit dem Hinweis, daß diese in Japan erhältlich wären wurde nebenbei erwähnt, daß dort alles nur eine Frage des Preises sei. Toll, dachte ich mir, dann hast Du ein absolutes Unikat hier in Deutschland, und wenn du das Teil beim Kundendienst anmelden willst, mußt du dich immer mit dem Mechaniker abkarpfen, der dir erklärt, daß es keine 400er Katana mit Halbschale gibt. Nein, das war auch nicht die Lösung. Inzwischen kaufte ich auch nicht mehr so regelmäßig die Anzeigenblätter, es kam auch vor, daß ich keine Suzuki-Anzeigen mehr durchsah.

Die Ritter der Kokosnus


Ein örtlicher Motorradclub, die Knightrider (deutsch: Ritter), veranstaltete einen Gebrauchtmotorradmarkt. Ich dachte mir, ich schaue einfach mal hin, nur so um wieder einmal ein paar Bikes zu sehen. Kaufen, nein kaufen wollte ich keines. Ich nahm die Schecks aber trotzdem mit, zur Sicherheit. Wir suchten in dem Ort die Halle, in der das Ganze stattfinden sollte - vergebens. Auch Passanten wußten nichts von einem Motorradmarkt. Wir stellten das halbe Firmengelände auf den Kopf, bis plötzlich eine Motorradfahrerin mit einer Yamaha TDM auftauchte. Ich sagte zu Uschi „die fangen wir jetzt ein“. Schnellen Schrittes eilten wir auf sie zu, und fragten sie, ob sie genaueres über den Motorradmakt wüßte. Sie steckte sich eine Zigarette an, blies den Rauch „relaxt“ heraus und meinte, „veranstalten die Knightrider...müßte hier irgendwo sein“. Ich ruderte mit Händen und Füßen und erklärte, daß wir hier schon jeden Stein umgedreht hätten, aber keinen Motorradmarkt weit und breit gefunden hätten. Sie stellte die Maschine ab, und lotste uns einige hundert Meter auf ein ganz anderes Gelände. „Wollt ihr eine kaufen?“. „Nein...ja...vielleicht, wir haben schon zwei Motorräder“. „Seid aber mit dem Auto hier“. Wir erklärten, daß unsere Mos schon für den Winter eingetütet sind. „Gerade Winter ist es lustig...“ flötete sie relaxt und lies dabei wieder einen Zug Zigarettenrauch langsam entweichen.
Schnellen Schrittes eilten wir weiter, denn es war recht kalt. Immer wieder tauchten Schilder auf, auf denen mit roten Farbspray ein Pfeil gesprayt war, aber ohne jeden Hinweis, was es in der Richtung gäbe. „Typisch Biker“ dachte ich mir, da machen die eine Veranstaltung, und dann halten sie den Ort geheim. Immer wieder trafen wir auf Motorradfahrer und Autofahrer, die leicht konfus am Straßenrand nach Hinweisen ausschau hielten. Da! Biker! Stilecht auf einem Bauplatzgelände, eine brennende Mülltonne mit einigen angekogelten Holzbohlen und das Outfit der Typen obercool gestylt. Ja, wir waren auf dem richtigen Weg. Die Stadtverwaltung hatte, wie wir später erfuhren, an der Gestaltung des Ausstellungsorts mitgewirkt, indem sie kurz vor der Eröffnung sämtliche Zufahrtswege zur Ausstellung abriß, umpflügte, und in eine, für Enduristen wundervolle Mondlandschaft verwandelt hatte. In der Halle natürlich das übliche mit lauter Rockmusik, Wickeltücher im Flaggenlook (oder waren es Flaggen im Wickeltuchlook? egal!) und ein Bikeveredler der unveredelte Bikes durch verchromte Teile in Veredelte verwandeln konnte. Ehrfürchtig schlappten wir von Bike zu Bike. Ich hätte nie gedacht, daß Enduros so glänzen könnten, aber die DR BIG da drüben war nicht sauber, sondern klinisch rein! Da eine unvermeidliche Harley, hier ein Dragster und, ach du lieber Gott... eine hoffnungslos vergammelte schwarz lackierte, lädierte Katana 750. Der Auspuff komplett in braunem Rost (Werksfarbe Suzuki?), die Verkleidung aufgebrochen und offensichtlich die letzte Zeit nicht einmal mehr gewaschen, so stand sie da. „2850“ stand auf dem Zettel, das Bj ´84, „alles Eingetr., viele Ersatzteile“, Telefonnummer, Pia.

Katana fatale


Uschi, meine Lebensgefährtin hatte gemerkt, was wieder in meinem Kopf werkelte. Sie sagte, ruf doch einfach einmal an. Die Kröten bekommen wir schon zusammen. Ich versuchte noch zu bremsen, doch es war zuspät. Gecasht, von einem Ratbike. In meinen Gedanken war ich schon dabei, den Lack wieder zu polieren, der Auspuff würde ersetzt werden, aber wo in aller Welt bekäme ich ein Werkstatthandbuch für eine Katana 750 her? Verchromen von Altteilen, da stand was im Schraubertips-Buch, vor dem 100seitigen Kapitel über das lösen einer Schraube. Kaum zu Hause rief ich sofort an, schließlich hatte vor mir ein Typ auch so verdächtig die Katana angeguckt, ist tatsächlich einen leichten Bogen um sie gegangen. Ja, das muß ja nix bedeuten, aber verdammt, ich muß früher anrufen.
Tut Tut Tut, danach eine Stimme von Anrufbeantworter, Pia ist nicht da, bitte hinterlassen sie eine Nachricht. Ich stammelte etwas von einer Ausstellung, einem Motorrad, Kaufinteresse...verdammt, nicht den Namen und die Telefonnummer vergessen. Geschafft, jetzt schnell den Hörer auf die Gabel und sich der Pein des Wartens ergeben. Grummel, jetzt ist es schon 2 Stunden her, daß ich angerufen habe, und sie hat mich nicht zurückgerufen. Ein flüchtiger Gedanke, an die Möglichkeit eines defekten Anrufbeantworters, vielleicht habe ich die falsche Nummer gewählt, und irgend jemand wundert sich jetzt, daß sein Bike auf einer Ausstellung zum Verkauf...nein, ich habe die richtige Nummer gewählt. Das Telefon klingelt, jetzt aber schnell! Es ist eine Freundin. Mein Bauch ist bis aufs äußerste gespannt. Ich erzähle ihr, daß wir (vermutlich) ein Motorrad gekauft haben. Na ja, zumindest die Basis für ein Motorrad. Jedenfalls wird es einmal ein Motorrad werden, wenn es erst hergerichtet ist. Wie aus der Pistole geschossen fragt sie, welches der beiden anderen jetzt verkauft wird. Sie hat mich nicht verstanden, denke ich, und erkläre ihr, daß ich nicht daran denke, die mir liebgewordenen zu verkaufen, nur weil ich jetzt ein neuer Pflegefall unter die Fittiche genommen habe. Ich rufe nochmal bei der Besitzerin an. Wieder ist der Anrufbeantworter dran. Ich lege auf, ohne aufs Band zu sprechen. Das wäre jetzt taktisch gesehen nicht klug, und seit dem Deal mit der Teneré habe ich einiges gelernt. Damals hatte ich mich fast selbst hochgehandelt, da ich nur noch Augen für das Bike hatte. Hä hä, und nun saß ich zu Hause, und wartete auf ein Lebenszeichen des Telefons - vergeblich. Gereizt? Vielleicht das falsche Wort. Angespannt traf den Sachverhalt viel eher. Wahrscheinlich geht das Bike gerade in diesem Augenblick über den Tisch. Der logische Teil meines Gehirns versuchte permanent, den panisch ängstlichen Teil davon zu überzeugen, daß alles seine Ordnung hätte. Ja, es war alles in Ordnung. Uschi beruhigte mich auch, und war auch recht zuversichtlich. Aber welche Fakten hatte ich, um zuversichtlich zu sein? Ich hatte angerufen und auf einem Anrufbeantworter mein Gestammel hinterlassen. Nach einige Stunden rief ich wieder an. Pia war persönlich am Apparat. Ich spulte noch einmal meinen Text herunter und kam dann auch gleich zum Thema: „für 2500 würde ich sie nehmen“. Rums, jetzt war es raus, knallhart und unerbittlich. Jetzt war sie gezwungen zu reagieren. „Ja“ war die einfache Reaktion ihrerseits, die mich vollkommen aus den Latschen kippte. Ich konnte es nicht glauben, und fragte noch einmal nach, ob sie wirklich das Teil jetzt schon für 2500 verkaufen wolle, wo es doch noch morgen den ganzen Tag herumstehen würde, und vielleicht einer 2850 wie gewüscht bieten könnte. Der Satz hatte gesessen. Ich hätte mich ohrfeigen können, schon wieder war ich dabei, meinem Gegenüber eine vergoldete Brücke zu bauen, und zwar wieder zu meinen Ungunsten. Feilschen ist eine Sache, die ich einfach nicht fertigbringe. Nein, sie würde es mir schon verkaufen, und sie würde sich am kommenden Montag Abend noch einmal rühren, um alles genau auszumachen. Sie hielt Wort. Dienstag fuhren wir zur Verkäuferin und bezahlten die Fuhre in Bar. Die für Mittwoch geplante Moppelübergabe platzte. Ich wurde auf Samstag vormittag vertröstet. Samstag kurz vor Mittag rief sie wieder an und vertröstete mich auf Nachmittag. Ich wurde langsam hippelig. Nachdem auch dieser Termin geplatzt war, erklärte sie mir, daß ihr Mann, der das Mopped transportieren sollte, nicht zu den Zuverlässigsten zählt. Nach vielem hin und her, und nachdem ich mich geistig bereits auf eine Rücknahme des Geldes meinerseits, notfalls mit unfriedlichen Mitteln, eingestellt hatte, kam dann Samstag nacht doch noch das heiß ersehnte Teil an.
Der Mann der Vorbesitzerin erwähnte noch, daß die Lichtmaschine wohl kaputt sei. Er drückte mir einen Karton „Kleinteile“, die sich als „viel Zubehör“ entpuppten, in die Hand und verschwand.
 Am nächsten Tag nahmen wir dann einen ersten Schadensbericht auf. Die Liste der zu reparierenden Teile wuchs auf zwei Seiten. An ein Anlassen „probehalber“ war nicht zu denken, als wir das Klagen des Anlassers hörten. Kein Verkleidungsteil, das nicht irgendwo einen Riß oder ein Loch hatte. Die Lichtmaschine verweigerte den Dienst. Unter der Sitzbank fanden wir eine Dose Starterspray und eine Dose Bremsflüssigkeit. Das tat offensichtlich not, denn der hintere Bremsflüssigkeitsbehälter war offensichtlich undicht. Der Typ der das Teil am Abend vorher abgeliefert hatte, wies mich noch auf den abgefahrenen Vorderreifen hin. Ein Gabelholm leckte. Wir fingen an, die Maschine Teil für Teil auszuziehen um die Stücke in unserem Bad zu schrubben. Wohlig entspannt nach dem warmen Seifenbad lehnten alle Plastikteile der Katana zum Trocknen verstreut in unserer Wohnung, während ich die kleineren Gummiteile nach „saurer-Gurken-Art“ in einem Gläschen „Amor-All“ einlegte.
Der Mann der Verkäuferin hatte uns auch einen großen Karton Teile in die Hand gedrückt. Ich begann mit der Auswertung der offensichtlich seit Generationen gesammtelten Teile. 3 Paar angegammelte, nicht weiter bezeichnete Bremsklotzpaare, 2 Dosen mit Bremsflüssigkeit...aber was war da? Eine Konservendose, die mattschwarz anlackiert war, und durch deren Mitte eine Schraube ging. Drehte frau die Dose, entpuppte sie sich als selbstgebauter Drehzahlmesser mit einer Menge bunter Lämpchen. Einer der 8 Vorbesitzer hatte offensichtlich ein Händchen für Elekronik. Und so grub ich mich Schicht für Schicht durch die Vergangenheit. Fazit des Ganzen war, daß in dem Karton fast ausschließlich Müll war. Es mußten nun Ersatzteile her. Der Suzukihändler soufflierte, daß es sehr wohl Originalteile für die Katana gäbe. Doch die Summe der Preise las sich eher wie eine Fahrgestellnummer, so daß ich beschloß, so viel wie möglich zu restaurieren und auf Altteile zurückzugreifen. Nun begann eine Odyssee zu allen Gebrauchtteilehändern. In der Regel winkten sie sofort ab, wenn ich nur Katana 750 sagte. Ein Händler erklärte mir, daß die Besitzer so an den Bikes „kleben“, daß für eine Katana „nicht einmal eine Schraube zu bekommen sei".
Gefrustet suchte ich weiter in den Kleinanzeigen. Ich fand jemand, der die Verkleidungsteile der Katana nachbaute und mir einige kleinere Teile verkaufen konnte. Kurze Zeit später machte ich einen Händler aus, der den Auspuff, eine Lima, die Seitendeckel des Motors und die Bremsanlage der Katana beschaffen konnte.
Die Halbschale der Katana war von mehreren Umfallern gebrochen und mußte mit Glasfasermatten und Gießharz repariert werden. Die Befestigungsaugen der Plastikteile waren dank roher Gewalt beim Montieren ausgebrochen und mußten auch mit Glasfasermatten repariert werden. Der Kabelbaum machte einen absolut desolaten Zustand und wurde restauriert, die Kontakte erneuert und der Baum selbst neu gewickelt. Hier lag auch der Defekt, der die Lichtmaschine versagen ließ: Die Kontakte waren oxydiert. Durch die hohen Übergangswiderstände wurde dadurch die Steckverbindung verschmort - Exodus.
Zeitweise verlor ich den Mut weiterzumachen. Immer mehr Teile der Katana sammelten sich sorgfältig verpackt in kleinen Frischhaltebeutelchen in unserem Arbeitszimmer. Die Katana selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu erkennen.
Um dem Rost Einhalt zu gebieten, ließ ich alle möglichen Metallteile glasstrahlen und anschließend verzinken.

Naked-Bike pur, die Katana beim Rahmenanstrich

 

Katana ohne Verkleidungsteile  Im Frühjahr 1998 konnte ich endlich mit den Arbeiten am Rest-Motorrad beginnen. Der Rahmen wurde neu gestrichen, Seilzüge, Wellen und Armaturen wurden auseinandergenommen, gereinigt, geschmiert und wieder zusammengebaut. Ein Polierset für Metallteile erwies sich als sehr hilfreich, wenn es darum ging den „Gilb“ aus den Motorteilen zu bekommen. Nach und nach erstand die Katana wieder von Neuem.
Nach einem Kostenvoranschlag für das Lackieren der Verkleidung und des Tanks von 1000 Schrauben entschied ich mich schweren Herzens zu einer provisorischen Lackierung mit Spraydosen. Diese fiel nicht einmal schlecht aus und kostete dafür nur ein Zehntel des veranschlagten Preises.
Dabei lernte ich den Zusammenhand zwischen Arbeitstemperatur, Lackqualität, Pollenflug und dem Lackierergebnis. Zum Glück war beim zweiten Lackierversuch ein Wolkenbruch vorangegangen und dadurch die Pollen aus der Luft gewaschen worden, so daß ich nunmehr keinen gelben Blütenstaub mehr auf der frisch lackierten Oberfläche hatte. Dank der steigenden Temperaturen konnte ich nun auch ohne die gefürchteten "Nasen" lackieren.

Da sich bereits ein knappes Dutzend „alter Schrauber“ an dem Mopped vergangen hatte, wurde das Schrauben am Motor eine unkalkulierbare Odyssee. So fand sich hinter dem Ölfilterdeckel nicht nur der übliche Ölfilter, sondern auch noch die metallischen Überreste seines Vorgängers. Schrauben waren überdreht, und angegossene M5-Gewinde mit M6-Schrauben gesprengt worden. Ab und zu fanden wir in dem Karton „Zubehörteile“ auch das eine oder andere Teil, das an die Katana gehörte, was immer wieder ein Erfolgserlebnis war. Ich lernte mit jeder Reparatur Unmengen übers Schrauben und begriff allmählich auch einige Zusammenhänge, die für mich vorher böhmische Dörfer waren.
Ende Mai war es dann so weit. Alle wesentlichen Teile waren wieder dort, wo sie mutmaßlich hingehörten, und einem Probestart stand nichts mehr im Wege. Ich wartete auf Uschi, um diesen Augenblick gemeinsam zu erleben.

Starflight one:ready for take off


Choke auf Maximum, noch einmal konzentriert und im Geiste alles durchgegangen - START. Der Druck auf diesen Knopf bewirkte an der Katana - nichts. Ich war entsetzt. Relativ bald entpuppte sich ein fehlender Massekontakt am Anlasserrelais als Übeltäter und wurde provisorisch mit einer Krokoklemme überbrückt. Nun leierte der Anlasser klagend herum und der Motor dachte nicht im Traum daran anzuspringen. Irgendwann kam ich darauf, den Benzinhahn auf „Reserve“ zu stellen. Etliche Versuche später erwachte die Katana aus ihrem langen Schlaf. Nun war Motorrodeo angesagt: Der Motor drehte augenblicklich in ungesunde höhen. Ich parierte mit einem beherzten Griff zum Choke. Nun Sackte die Motordrehzahl in sich zusammen. Wieder mehr Choke geben. Erneut jubelte der Motor in die Höhe. Wieder weniger Choke von meiner Seite - zu wenig. Der Motor erstummte. Es war ein Anfang gemacht. Das nächste Mal gab ich von Anfang an weniger Choke. Nun war das beschriebene Rodeo nur noch in abgeschwächter Form zu reiten. Irgendwann fand sich ein guter Kompromiß zwischen stehendem Motor und Vollgasdrehzahl. Der Motor grollte nun grimmig vor sich hin und nahm auch Gas an, wenn ich am Gasgriff drehte. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn die Tatsache, daß der Motor läuft, zum Selbstzweck wird. Irgendwo zwischen der Schrauberphase und der Motorradfahrphase war ich nun hängengeblieben. Vielleicht sollte ich die Phase Motorradhör- und -kuckphase nennen? Die folgenden Startversuche glichen wohl eher einer liturgischen Handlung, einem Ritual einer exotischen Religion.

Probesitzen erlaubt


Nun probierte ich den ersten Gang einzulegen, und wurde prompt von der Katana durch Sonne und Mond geschleift. Ich mußte wohl einen Blackout gehabt haben, nicht daran zu denken, daß die Kupplung nach so langer Standzeit kleben würde. Ich versuchte verzweifelt mit den Füßen am Boden zu bremsen, was sich, angesichts der erhöhten Leerlaufdrehzahl, als erfolglos erwies. Ein beherzter Griff zur Vorderradbremse machte dem Spuk ein Ende und trennte die Kupplung. Mein Patzer blieb folgenlos.
Wir fuhren nun (mit dem Auto) zum Supermarkt, und kauften eine Flasche Sekt, die wir anschließend bei der Katana becherten. Bei der Gelegenheit bekam die Katana dann auch gleich ihre Sekttaufe. Sorgsam rollte ich sie wieder in ihr Quartier und machte sie fest.

Die ersten Fahrten waren irgendwie recht entmutigend. Durch die weit nach vorn gebeugte Haltung taten mir recht bald die Handflächen und der Rücken weh. Die Katana erwies sich als bockiger unberechenbarer Hobel. So rief zum Beispiel das "Wedeln" ordentliche Lenkerreaktionen hervor. Beim Gangwechsel in niedrigen Gängen und beim Wegnehmen vom Gas war äußerste Vorsicht geboten. Die Katana neigt, dank großem Spiel im Antriebsstrang zum "bocken" und hätte mich auch glatt in einer Kurve von der Sitzbank geworfen, als ich etwas zu unvorsichtig mit der Kupplung arbeitete.
Allmählich fand ich Möglichkeiten und Wege, die Widrigkeiten des Katanafahrens in den Griff zu bekommen und wagte mich auch ´mal auf die Autobahn. Hat die Drehfreudigkeit der Katana ein Ende? Manchmal hatte ich den Eindruck, die Katana hat so viel Power, daß sie alles was frau aushält auch bringen kann. Beim Beschleunigen setzt wohl nicht das Kraftdefizit des Bikes sondern eher die Physik die Grenze und das zu spüren ist eben auch Katana. 

Fazit


Ob ich die Katana noch einmal kaufen würde? Keine Ahnung. Sie hat mich unzählige Stunden harte dreckige Arbeit gekostet. mich über ihre Defekte fast zur Resignation getrieben aber auch unglaublich viel übers Schrauben gelehrt. Sie hat meinen Rücken zum Schmerzen, mich selbst auch schon in so manche dumme Situation gebracht aber mir auch viele Erfahrungen ermöglicht. Katana fahren unterscheidet sich meines Erachtens stark vom Fahren vieler anderer Motorräder. Es muß wohl so eine Art Haßliebe sein, wenn ich immer wieder einmal statt der bequemen Tenere auf die schwermetallerne, schwammige, heiser vor sich hin grollende Katana steige, um wieder einmal ein paar Runden zu drehen.